»Ein vollkommen neuer Blick auf den Mikrokosmos der Insekten« – Levon Biss und Lars Lindemann im Interview

Levon Biss setzt seine »Mikroskulpturen« aus 8.000 Einzelbildern zusammen und kreiert damit einzigartige Insektenportraits. Präsentiert werden diese spektakulären Bilder auf Umweltfotofestival »horizonte zingst« von dem Magazin GEO – wir haben mit dem Fotografen Levon Biss und dem GEO-Bildchef Lars Lindemann gesprochen.

Die »Mikroskulpturen« sind Fotos von Insekten. Aber sie sind eben nicht einfach nur Fotos von Insekten. Denn: Makroaufnahmen mit einem solchen Detailreichtum, einer solchen Schärfe und mit einer so durchdachten Ausleuchtung sind nicht nur spektakulär, sondern vor allem neu und ungesehen. Mit einer hochkomplexen Technik – jedes einzelne Motiv ist aus etwa 8.000 Bildern zusammen gesetzt – und mit dem Auge eines Werbefotografen hat der Londoner Levon Biss diese besonderen Bilder kreiert, die bei dem zehnten Umweltfotofestival »horizonte zingst« auf dem Postplatz zu sehen sein wird – präsentiert von dem Magazin GEO.

Wir haben Lars Lindemann, seines Zeichens Fotochef und stellvertretender Creative Director von GEO, gefragt, was ihn an der Arbeit von Levon Biss  fasziniert und warum er fand, dass genau diese Bilder in Zingst zu sehen sein sollten. Und natürlich haben wir auch Levon Biss gebeten, etwas mehr zu seinen Bilder zu erzählen.

 

»horizonte zingst«: Was hat Sie auf die Idee gebracht, Insekten auf diese Art zu fotografieren?

Levon Biss: Ich wollte einfach mal was Neues ausprobieren und die Makrofotografie hat mich schon länger  interessiert. Mir war es außerdem wichtig, die Insekten nicht so zu fotografieren, wie jeder das macht, sondern ich wollte wissen, ob ich meine 20jährige Foto-Erfahrung auch auf ein Subjekt übersetzen kann, das nur 5 mm groß ist. Und, noch wichtiger für mich, ich wollte sehen, ob ich die Lichtsetzung bei so einem kleinen Ding auch kreativ gestalten kann. Letztlich entschied ich mich dafür, nur jeweils einen kleinen Teil des Insekts wie ein Stillife zu fotografieren, jeden mit einem individuellen Licht.

Verraten Sie uns ein paar Details zu der technischen Umsetzung?

Levon Biss: Wie eben beschrieben, wird das Insekt in verschiedene Abschnitte aufgeteilt, in der Regel etwa 20-25. Jeder Abschnitt wird individuell beleuchtet, um jeden Bereich des Insekts so gut wie möglich aussehen zu lassen. Zum Beispiel kann ich den Flügel einer Fliege von hinten beleuchten, um alle mikroskopischen Details innerhalb der halbdurchsichtigen Struktur zu erfassen. Aber wenn ich die Augen der Fliege fotografiere, ändere ich das Licht so ab, dass die jeweiligen Texturen oder Trübungen des Bereichs zu sehen sind. Da die Tiefenschärfe bei einer so großen Vergrößerung sehr flach ist, habe ich meine Kamera auf eine motorisierte Schiene montiert und so programmiert, dass sie alle 10 Mikrometer einen Schuss macht – das ist ein Siebtel der Breite eines menschliches Haars. Damit entsteht eine Menge Bilder, jedes mit einem kleinen Schärfebereich, die ich dann im Anschluss zusammen setze. Im Ergebnis ist so jedes Insektenportrait von vorne bis hinten scharf und dabei perfekt ausgeleuchtet. Die 20-25 Abschnitte jedenfalls setze ich dann in Photoshop aneinander, um das finale Bild zu kreieren, das am Ende übrigens aus etwa 8.000 Bildern besteht.

In Zusammenarbeit mit dem Magazin GEO wird die Ausstellung »Mikroskulpturen« zum zehnten Jubiläumsfestival – Herr Lindemann, wann und wie sind Sie auf die Arbeit aufmerksam geworden?

Lars Lindemann: Mein Kollege Christian Gogolin ist durch eine Veröffentlichung im amerikanischen Wissenschaftsmagazin »New Scientist« auf das Projekt aufmerksam geworden. Er hat es dann unserem Chefredakteur Christoph Kucklick, Kreativdirektorin Anna-Clea Skoluda und mir vorgeschlagen. Lange überlegen mussten wir bei dieser herausragenden Arbeit allerdings nicht. Wir haben die »Microsculptures« dann in einer großen Bildstrecke mit Ausklappern in unserem Heft zum 40jährigen GEO-Jubiläum veröffentlicht. Sicherlich eine der spektakulärsten Geschichten des vergangenen Jahres.

Was fasziniert Sie daran?

Lars Lindemann: Levon Biss hat Insekten-Portraits geschaffen, die es so noch nicht gab. Niemand hat je zuvor Insekten in einem derartigen Detailreichtum betrachten können. Er hat damit einen vollkommen neuen Blick auf diesen Mikrokosmos ermöglicht, der sowohl Wissenschaftler, Foto-Enthusiasten als auch meine Kinder fasziniert. Nur Menschen, die unter ausgeprägter Entomophobie, der Angst vor Insekten, leiden, sollten wohl besser einen großen Bogen um seine Bilder machen.

Was hat Sie an den Bildern – vom fotografischen Standpunkt aus betrachtet – am meisten überrascht?

Lars Lindemann: Am meisten fasziniert haben mich – aus technischer Sicht – wie Levon aus den gut 8.000 Einzelbildern diese fantastischen Fotografien kreiert. Auch die Entwicklung des Schlittens, der die Kamera pro Belichtung nur 10 Mikrometer bewegt war wirklich genial. Letztlich arbeitet er dann mit einer 200mm Festbrennweite und einer herkömmlichen, wenn auch hochwertigen, Profi-SLR-Kamera.

Warum haben Sie genau diese Arbeit für das Festival vorgeschlagen?

Lars Lindemann: Diese einzigartigen Fotografien können gar nicht oft genug gezeigt werden. Und beim Umweltfoto-Festival in Zingst dürfen sie natürlich nicht fehlen. Die Ausstellung ist übrigens auch die Deutschland-Premiere für die »Microsculptures«. Ich freue mich sehr, dass Kurator Klaus Tiedge und sein Team gleich genau so begeistert waren wie die GEO-Redaktion und Levon Biss mit seinem Projekt in das Festival-Programm aufgenommen haben.

Haben Sie unter den gezeigten Bildern einen Favoriten?

Lars Lindemann: Mir fällt es wirklich schwer eines der Bilder heraus zu stellen. Wenn es auch zwei sein dürfen, sind es die schillernde Orchideenbiene und der pelzige Bockkäfer.

Was war die größte Herausforderung an dem Projekt, Herr Biss?

Levon Biss: Die erste Herausforderung war die technische Frage, wie ich in einer so großen Vergrößerung vernünftig fotografieren kann – meine vorherige Antwort zeigt: Problem gelöst. Eine weitere Herausforderung war die Datenmenge, die ich fotografiert habe. Für jedes Insekt mache ich tausende Bilder in High Resolution, so dass ich einen vernünftigen Workflow entwickeln musste, um mit der Menge an Material fertig zu werden.

Zur Zeit arbeite ich also an drei Insekten gleichzeitig. Eines wird fotografiert. Zur gleichen Zeit arbeiten mehrere Computer daran, die Daten von dem Insekt zu verarbeiten, das ich eine Woche vorher fotografiert habe. Und an einem weiteren Computer retuschiere ich die Bilder des Insekts, dass ich vor zwei Wochen fotografiert habe, bis das fertige Insektenportrait fertig ist.

Was bedeutet es Ihnen, Ihre Arbeit auf dem Umweltfotofestival in Zingst auszustellen?

Levon Biss: Ich freue mich darauf, die Arbeit in Zingst zu sehen. Es ist das erste Mal, dass die Bilder Open-Air gezeigt werden und ich finde, das ist genau die richtige Umgebung für sie. Ich drücke die Daumen, dass das Wetter gut sein wird, damit das Publikum die Bilder auch richtig genießen kann.

Last but not least: Haben Sie zum Jubiläum eine Botschaft für die Festivalbesucher und die Zingster Festivalmannschaft?

Lars Lindemann: Nehmen Sie sich Zeit für die Ausstellungen, Workshops und Vorträge. Das Zingster Festivalteam hat Ihnen wieder mal Weltklasse-Fotografie auf allerhöchstem Niveau an die mecklenburgische Küste gebracht. Ein ganz besonderer Tipp sind auch die Multivisionsshows. Ganz besonders die des Unterwasserfotografen David Doubilet und der Vortrag meines GEO-Kollegen Lars Abromeit. Lars ist unser Expeditionsleiter und begleitet Wissenschaftsexpeditionen in die Antarktis, den Himalaya, die Südsee oder auch die tiefsten Höhlensysteme des Planeten. Seinen Geschichten zu lauschen und dabei atemberaubende Bilder von einigen der international besten Expeditionsfotografen zu bewundern, ist ein unvergessliches Erlebnis. Am Strand können Sie die Bilder dann auch noch mal ganz in Ruhe und open air betrachten.

 

Ich ziehe den Hut vor der sehr gelungenen Kuration und Organisation des Festivals. Eine wirklich tolle Leistung des Horizonte-Teams. Herzlichen Dank auch für die gute Zusammenarbeit.

 

Die Ausstellung »Mikroskulpturen« ist ab dem 20. Mai 2017 Open-Air auf dem Zingster Postplatz zu sehen.

Websites:

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Das Gespräch führte Edda Fahrenhorst | fotogloria