»Das Engagement hat uns begeistert und von den Projekten kann man sich absolut inspirieren lassen« – Die BFF-Fotografen und »MENSCH IST MEER«-Tutoren Tobias Habermann und Bernd Opitz im Interview

In Foile eingeschweißte Pommes, brennende Müllberge oder eine Plastik pickende Krähe – die Themen der Ausstellung »MENSCH IST MEER« sind kreativ, spannend und regen zum Nachdenken an. Fotografiert wurden sie samt und sonders von Fotostudenten, die mit ihren Konzepten den BFF (Berufsverband Freie Fotografen und Filmgestalter e.V.), der das Thema initiiert hat, überzeugen konnten. Wie aus einem Wettbewerb dann eine Ausstellung wurde, verraten uns die beiden BFF-Fotografen und »MENSCH IST MEER«-Tutoren Tobias Habermann und Bernd Opitz. Und was die Studenten aus der Arbeit an dem Thema mitgenommen haben, erzählen Pia Hertel, Alina Köster und Patrick Väth.

 

Plastikmüll bedroht mehr und mehr den Lebensraum der Ozeane. Und damit auch den Menschen. Diese bedrohliche Erkenntnis hat das Umweltfotofestival »horizonte zingst« in diesem Jahr dazu veranlasst, ihr Festival unter das Leitthema »S.O.S. – Save Our Seas« zu stellen. Um aufmerksam zu machen. Und um die Fotografie noch stärker als Instrument für den aktiven Naturschutz einzubinden.

Eine der zentralen Ausstellungen zu dem Leitthema trägt den Titel »MENSCH IST MEER« und wurde vom BFF (Berufsverband Freie Fotografen und Filmgestalter e. V.) für das Festival erdacht, initiiert und ausgeführt. Eine besondere und eine neue Erfahrung für alle Beteiligten: Die gezeigten Bilder sind die Ergebnisse von zehn Studenten, die mittels eines Wettbewerbes – an dessen Teilnahme Fachhochschulen aus ganz Deutschland aufgerufen waren – für diese Ausstellung ausgewählt wurden. Und die in dem gesamten Prozess ihrer Projektarbeit, die auf höchste Professionalität ausgelegt war, durch den BFF begleitet wurden. 

 

Vor allem zwei Tutoren haben Seite an Seite mit den Studenten gearbeitet: Die beiden BFF-Fotografen Tobias Habermann (Fotodesigner und CGI-Director) und Bernd Opitz (Werbefotograf im Bereich People, Interior und Lifestyle) begleiteten die zehn Nachwuchsfotografen und erzählen im Interview, wie die Idee zustande kam und wie die ganz praktische Umsetzung des Projektes »MENSCH IST MEER« geklappt hat.

 

Auch die Fotostudenten verraten uns, was sie aus der Arbeit an dem Projekt mitgenommen haben. Apropos Fotostudenten – an der Zingster Jordanstraße werden Open-Air die Arbeiten gezeigt von: Jade Braun – Said Burg – Patrik Fäth – Alex Fischer – Pia Hertel – Lisa Marie Kaspar – Alina Köster – Hamon Nasiri – Sonja Pohl – Carolin Schaller.

 

»horizonte zingst«: Die Ausstellung »MENSCH IST MEER« ist eine Gruppenausstellung von zehn Fotostudenten – erdacht, initiiert und betreut vom BFF und im Speziellen von Ihnen als Tutoren begleitet. Wie kam es dazu und was hat Sie persönlich an der Aufgabe interessiert?

 

Tobias Habermann: Während eines Treffens des BFF-Vorstandes und der Festivalleitung im Sommer 2016 wurde der Wunsch an uns, den BFF, herangetragen uns als Verband für professionelle Fotografie in geeigneter Form am Horizonte Festival zu beteiligen. Recht schnell wurde klar, dass unsere Kompetenz als Verband nicht unbedingt darin liegt Workshops oder technische Seminare abzuhalten, sondern es uns eine Herzensangelegenheit ist, uns um den Nachwuchs der Fotografie zu bemühen.

Daraus entstand das Konzept eines Förder-Wettbewerbs, der es sich zur Aufgabe machen sollte, junge Fotografen in die alltägliche Welt des Berufs hereinzuholen und spezielle Aufgaben zu stellen, die so im Studium nur sehr am Rande erlernt werden können.

Meist ist der Unterschied zwischen dem Studium und dem realen Berufsleben doch sehr unterschiedlich.

 

Bernd Opitz: Ich war von Idee sofort begeistert, da wir seit zwei Jahren die Veranstaltungsreihe »UniRoadshow« auf die Beine gestellt haben, in der wir vor Studenten der Fotografie aus unseren Erfahrungen über den Start in das Berufsleben sprechen. Da ist ein weiterer und engerer Kontakt zu den Hochschulen und Studierenden natürlich immer gut.

 

 

 

Der Startpunkt der Ausstellung war ein Aufruf an etlichen Fotoschulen und an die Fotostudenten, sich mit einem Konzept zu bewerben. Wie haben Sie unter den Einsendungen die passenden Vorschläge ausgewählt?

Ein wichtiger Punkt für die Teilnahme war die Abgabe eines Konzepts für die Umsetzung der Bildidee, zusammen mit einem Moodboard der geplanten Bilder und einem Portfolio der eigenen Arbeiten, Diese drei Dinge zusammen ergaben einen guten Einblick in die Arbeit. Daraufhin haben wir dann versucht, die besten Konzepte auszuwählen, auch unter Berücksichtigung, dass es möglichst unterschiedliche Konzepte waren.

 

Als die zehn Studenten feststanden – wie ging es dann weiter?

Als wir dann die zehn Studenten informiert hatten, gab ein kurzes schriftliches Briefing über die weiteren Abläufe. Als nächstes bekam jeder Student ein Budget und einen BFF-Professional Member aus seiner Region als Tutor zugeteilt, mit dem er sich über seine Arbeit austauschen und sich Anregungen und Informationen holen konnte.

Diese Möglichkeit wurde zum Teil auch intensiv genutzt. Ferner bestand die Möglichkeit sich mit Jan Berg als Creative Director auszutauschen.

Für die Umsetzung des Konzeptes hatte jeder Student zehn Wochen Zeit, von Anfang Januar bis Mitte März.

Beider Fotoconvention am letzten März-Wochenende in Zingst erfolgte dann die Präsentation der Ergebnisse und eine Besprechung der Arbeiten in einem Schulterblick-Workshop.

 

Eine weitere Idee hinter dem Konzept »MENSCH IST MEER« war von Anfang an, mit den Nachwuchsfotografen eine möglichst realistische »Jobsituation« durchzuspielen - das Motto lautete: »Ein Thema. Ein Konzept. Ein Job.« Hat das geklappt?

Im Großen und Ganzen: Ja!

 

Was war für Sie in dem ganzen Prozess die größte Überraschung?

Im Positiven hat uns das Engagement, mit dem die größte Zahl der Teilnehmer ihre Projekte angegangen sind, sehr begeistert. Am meisten überrascht uns das das Projekt von Patrick Fäth, das von der Idee bis zur Realisierung sehr ungewöhnlich und sehr toll umgesetzt worden ist. Die Ergebnisse haben uns sehr begeistert.

Überraschend war für uns Fähigkeiten einiger Teilnehmer im Umgang mit ihren Bilddaten. Da war zum Teil sehr wenig Wissen über den Umgang mit Photoshop, Aufbereitung von Daten für die Weitergabe und den Druck bis hin zur Handhabung der Dateien vorhanden.

 

In nicht mehr allzu langer Zeit, wird die Open-Air-Ausstellung mit je fünf Arbeiten von jedem Teilnehmer zu sehen sein. Was sagen Sie zu den Ergebnissen?

Es sind teilweise sehr überraschende Resultate heraus gekommen, bei denen es sich lohnt auch die Texte zu den Projekten zu lesen. Die meisten Projekte sind nicht nur vordergründig sehr ästhetisch, sondern sind durch eine intensive intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema entstanden.

 

Last but not least: Haben Sie eine Botschaft für die Besucher des Jubiläumsfestivals und für die Zingster Mannschaft?

Bitte zahlreich kommen, die großen Bilder (3x4,5m) auf sich wirken und von den Projekten inspirieren lassen.

Und an die Zingster: Vielen Dank für die klasse Zusammenarbeit und den wahnsinnig tollen Support.

Wenn es geht, sollten wir den Wettbewerb im nächsten Jahr fort setzen. Wir wären sofort dabei.

 

Natürlich wäre die Ausstellung ohne das Engagement der Studenten nicht zustande gekommen – wir haben stellvertretend drei von ihnen gefragt, welche Erfahrung sie aus dem Projekt mitgenommen haben:

 

Alina Köster studiert Fotografie in Dortmund und hat für Ihre Strecke »Eat (think) about it« Fisch angerichtet – zusammen mit Müll, den Sie am Strand gesammelt hat. Auf den ersten Blick sind die Bilder köstlich anzuschauen, auf den zweiten Blick offenbart sich, was Mensch dem Ökosystem Meer und damit letztlich auch sich selbst antut.

 

»Schon beim Schreiben des Konzeptes habe ich angefangen, mich intensiver mit der Tatsache zu beschäftigen, dass wir Menschen viel zu viel Abfall produzieren. Dass das alles im Meer landet und was das eigentlich für Auswirkungen hat. Dass wir uns letztendlich selbst vergiften – darüber denkt man normalerweise ja relativ selten nach. Seit dem Projekt achte ich vor allem im Supermarkt verstärkt darauf, nicht so viel zu kaufen, was in Plastik verpackt ist. Ich wünsche mir oft, dass man als Einzelperson viel mehr bewirken könnte, um den Planeten auch nur ein kleines bisschen besser zu machen.«

 

 

Patrick Fäth – Student der Fotografie und Medien an der Fachhochschule Bielefeld – ist für seine Arbeit »Universum Wasser« 4.300 Kilometer durch Norddeutschland gefahren, hat 155 Wasserproben genommen und 800 Wassertropfen microphotografiert und katalogisiert. Anschließend diente ebenjene Datenbank als digitales Malmittel für maßstabsgetreue Landkarten. Jeder Tropfen hat seinen Platz getreu seines Ursprungs.

 

»Ich habe aus der Arbeit an »MENSCH IST MEER« fünf schöne Bilder und eine intensive Zeit mitgenommen. Der Aufwand für meine Arbeit war höher, als zunächst geplant und hat mir und meinem Umfeld viel abverlangt. Belohnt wurde es durch eine nette und professionelle Zusammenarbeit mit dem BFF, der Festivalleitung und einer großartigen Ausstellung. Die Arbeitsweise war für mich neu und glich eher einer Forschungsarbeit als einer Fotoproduktion. Das Endergebnis war deshalb lange offen und lässt dem Betrachter viel Freiraum beim Interpretieren – das ist mir wichtiger, als jemanden eine Meinung vorzuschreiben/aufzuerlegen.«

 

 

Pia Hertel studiert Fotografie an der Fachhochschule Dortmund und hat für ihr Projekt Lebensmittel in Plastik eingeschweißt. Und das auf grotesk anmutende Weise, denn jeder Pommes und jede Kugel Eis hat eine eigene Plastikhülle bekommen – so wird ästhetisch überspitzt, was im Alltag leider schon normal geworden ist: Alles bekommt eine Verpackung und die ist meistens aus Plastik.

 

»Durch die Arbeit am Projekt »MENSCH IST MEER« habe ich mich intensiver mit der Problematik unseres Plastikkonsums auseinander gesetzt, habe mit vielen Leuten darüber gesprochen und gehe seither mit einem ganz anderen Blick durch den Supermarkt. Firmen, die verantwortungslos handeln, versuche ich weitestgehend zu vermeiden und weiß den Umgang mit Plastikverpackungen in Bio-Supermärkten noch mehr zu schätzen. Da ich mich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt habe und mir diese dadurch sehr wichtig geworden ist, nutze ich auch im Alltag Gelegenheiten, um das Thema anzusprechen. Gerne dann, ob zum Beispiel nach der Plastik- oder Papiervariante gegriffen wird. Für die Person macht es keinen Unterschied. Für die Umwelt allemal. Ich hoffe sehr, dass durch das Projekt nicht nur meine Augen geöffnet wurden.«

 

An dem Projekt mitgearbeitet haben außerdem Art Director Jan Berg, Daniela Steinbeck von Appel Grafik und Andreas Stephan von Epson. Unterstützt wurde das gesamte Projekt von Olympus.

 

Die Ausstellung »MENSCH IST MEER« wird ab dem 20. Mai 2017 bei dem zehnten Umweltfotofestival »horizonte zingst« Open-Air auf der Jordanstraße gezeigt.

 

Die Gespräche führte Edda Fahrenhorst | fotogloria.