»Copacabana Palace – eine ferne und fremde Welt« – Peter Bauza und Andreas Kronawitt im Interview

Über anderthalb Jahre hat der Fotograf Peter Bauza an der Strecke »Copacabana Palace« gearbeitet. Jetzt wird die preisgekrönte Arbeit beim Umweltfotofestival »horizonte zingst« im alten Marinekomplex gezeigt – präsentiert von dem Magazin Stern. Wir haben mit Peter Bauza  und dem Leiter der Stern-Bildreaktion Andreas Kronawitt gesprochen.

 

Meerblick, Pool und Zimmerservice – so stellt sich der Feriengast den Aufenthalt im »Copacabana Palace« in Rio de Janeiro vor. Zumindest im Luxushotel mit diesem Namen. In dem heruntergekommenen Häuserkomplex am Rande Rios, den die Bewohner ebenfalls »Copacabana Palace« getauft haben, leben die Menschen in Armut, Müll, Angst und Not.

 

Über anderthalb Jahre hat der Fotograf Peter Bauza, den die Bewohner der Ruine in ihre Mitte gelassen haben, das Leben im »Copacabana Palace« fotografisch begleitet. Entstanden ist eine zutiefst für die Menschen engagierte und intensive Geschichte, die das Magazin Stern zum zehnten Umweltfotofestival »horizonte zingst« im alten Marinekomplex präsentiert.

 

Wir haben mit Andreas Kronawitt, der gemeinsam mit Andreas Trampe die Bildredaktion des Stern leitet, gesprochen. Von ihm wollten wir wissen, was das Besondere an der Fotografie von Peter Bauza ist, warum er die Arbeit für das Festival vorgeschlagen hat und was eine Fotostrecke überhaupt mitbringen muss, um im Stern gezeigt zu werden.

 

Natürlich haben wir auch mit Peter Bauza gesprochen, der erzählt, wie er eigentlich auf die Idee zu dem Thema gekommen ist, was die größte Herausforderung an dem Projekt war und was er mit seiner Fotografie bewirken möchte.

 

»horizonte zingst«: Herr Bauza, wie ist die Idee dazu entstanden, die Arbeit »Copacabana Palace« zu fotografieren?

 

Peter Bauza: Brasilien unterliegt ständigen strukturellen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen. Anderthalb Jahre vor den olympischen Spielen wollte ich die strukturellen Veränderungen des Landes festhalten.

 

Jedoch kam ich ein wenig zu spät. Zu diesem Zeitpunkt kam ich in Kontakt mit ersten kleineren Hausbesetzungen. Diese waren jedoch nicht repräsentativ genug.

 

Hier lernte ich jedoch schnell mehr zum Thema Obdachlosigkeit (»Sem Teto, Sem Terra«). Die UN-Zahlen berichten von etwa 1 Milliarde Menschen weltweit, die über kein vernünftiges Dach über den Kopf verfügen. Man spricht von einer Verdoppelung in den nächsten 10-20 Jahren. Eine Herausforderung für unsere Gesellschaft und Politiker, denn diese Situationen werden künftig noch verstärkt für soziale Unruhen sorgen.

 

In der Habitat Agenda ist das adäquate Dach über den Kopf genau definiert. Sicherheit, Wasser, Strom, Gesundheit, Logistik. Viele der Länder unserer Welt haben diese Agenda unterschrieben. Brasilien auch.

 

»Jambalaya«, der eigentlich bekanntere Name dieser nie fertiggestellten Plattenbauten, beherbergt mehr als 300 Familien, etwa 1.000 Menschen. Vor circa 35 Jahren für den Mittelstand angedacht, wurden sie jedoch nie fertiggestellt und nie ans Wasser-, Strom- und Abwasser-Netz angeschlossen. Sie diente früher auch Drogenbanden als Versteck. Vor etwa 18 Jahren kamen die ersten Hausbesetzungswellen. Alle wollten nur temporär hier bleiben und von hier in eine vom Staat mehrmals versprochene Sozialwohnung ziehen.

 

Es war mir sehr bewusst, dass ich damit an einem wichtigen und heiklen Thema war. Alle Regierungen haben bis heute mehrmalig Sozialwohnung gegen Wählerstimmen versprochen. Bis heute wurden aber nur etwa 2,5 Millionen Wohnungen offiziell übergeben. 

 

Über Umwege und vielen Suchen jedenfalls kam ich hier an und so fing ich anderthalb Jahre vor den Olympischen Spielen mit diesem neuen Projekt an: »Copacabana Palace« oder wie es auch viele nennen »Jambalaya« (nach einer TV-Show) oder »Carandiru« (nach dem verrufenen Staatsgefängnis in Sao Paolo).

 

 

Wie lange und wie intensiv haben Sie an der Strecke gearbeitet?

 

Peter Bauza: Die Geschichte fing im Juni 2015 an und dauerte bis zu den Olympischen Spielen. Es ging mir nicht darum noch mehr Elend zu zeigen, sondern das tägliche Leben dieses versteckten und ausgegliederten Teils der Gesellschaft. Ich wollte ihre Herausforderungen, Nöte, Bedürfnisse und Ängste festhalten, aber auch ihre Kraft, Lebensfreude, Hoffnung, Gefühle und den Zusammenhalt.

 

Um vielleicht über diese Umwege auch Veränderungen zu ermöglichen. Kein Mensch wird als Hausbesetzer oder Obdachloser geboren. Die Gesellschaft und Politik leitet diese Wege ein.

 

Wann das Projekt wirklich beendet wurde? Es wird nie ein konkretes Ende geben. Die Konrad-Adenauer-Stiftung benutzt heute Teile des Materials zur Schulung von brasilianischen Politikern. Wird dieses eine neue Möglichkeit für diesen Teil der Gesellschaft bedeuten?

 

Herr Kronawitt, der Stern präsentiert beim Umweltfotofestival »horizonte zingst« die Ausstellung »Copacabana Palace« von Peter Bauza – wann und wie sind Sie auf die Arbeit aufmerksam geworden?

 

Andreas Kronawitt: Peter Bauza hat seine Arbeit über die Hausbesetzer in Rio bei uns in der Stern-Fotoredaktion vorgestellt. Schnell war uns klar, dass da eine außergewöhnliche Arbeit vor uns liegt und wir haben uns die exklusiven Erstveröffentlichungsrechte für Deutschland gesichert. Danach ist Peter Bauza mit unserem Südamerika-Korrespondenten Jan Christoph Wiechmann noch einmal für mehrere Tage in das besetzte Haus gefahren. Dort entstanden einige ergänzende Aufnahmen und Porträts der Protagonisten aus dem Text von Jan-Christoph Wiechmann. Veröffentlicht wurde die Geschichte in Heft  36/2016, kurz bevor die Geschichte dann in Perpignan ausgezeichnet wurde.

 

Was muss eine Arbeit generell mitbringen, um bei Ihnen publiziert zu werden?

 

Andreas Kronawitt: Exzellenz und Relevanz sind die beiden wichtigsten Adjektive, die auf eine Geschichte für den Stern anwendbar sein sollten. Dazu kommt der Mensch, der im Mittelpunkt der Erzählung stehen sollte. Hierdurch schaffen wir eine Möglichkeit der Identifikation des Lesers mit den Figuren der Geschichte. Wir versuchen vom einzelnen Schicksal auf die großen Themen zu schauen und so auch ein stückweit die zu Welt erklären und für den Leser fassbar zu machen. Eine stern-Geschichte soll überraschen, uns in eine ferne Welt entführen, die auch direkt um die Ecke liegen kann, die aber, aus welchen Gründen auch immer, bislang im Schatten der Aufmerksamkeit lag. Beispielsweise eine Reportage aus der Kneipe an der Ecke – ganz sprichwörtlich. Fotografische Exzellenz steht neben dem Thema ganz oben auf der Anforderungsliste. So arbeiten wir weltweit mit den besten Fotografen zusammen. Eine Autorenschaft und damit die ganz eigene fotografische Handschrift zeichnen viele unserer großen Geschichten aus. All das erfüllt »Copacabana Palace« von Peter Bauza auf herausragende Weise.

 

Wenn wir Fotografen nicht konkret mit einem Thema beauftragen, dann stellen sie uns ihre Projekte vor und binden uns früh in ihre Planungen ein. So haben wir Zugang zu exklusiven Reportagen von überall auf der Welt. Natürlich sichten wir auch Woche für Woche, was an spannenden Geschichten auf den Portalen von Fotografenkollektiven, Agenturen oder Websites von Fotografen auftaucht und natürlich auch, was unsere Kollegen weltweit publizieren – all das wird von unserem Fotoredaktionsteam gesichtet.

 

Zurück zu Peter Bauza: Was ist das Besondere an seiner Fotografie?

 

Andreas Kronawitt: Peter Bauza schafft eine intime Nähe zu seinen Protagonisten und wahrt dabei eine respektvolle Distanz die die Figuren weder bloßstellt, noch ausstellt. Dabei scheint der Fotograf in diesen Fotografien keine Präsenz zu haben und der Betrachter rückt an dessen Stelle. Zudem sind die Aufnahmen wohl komponiert. Wie Peter Bauza Farbe und Unschärfe zur Bildkomposition einsetzt ist wirklich meisterlich. Er findet immer wieder überraschende Blickwinkel auf sein Sujet. Ganz wichtig dabei, die Bildgestaltung wird nie zum Selbstzweck (L’art pour l’art) sondern verstärkt und unterstützt die Bildaussage. Er behält den Fokus seiner Narration immer im Blick.

 

Herr Bauza, was war die größte Herausforderung an dem Projekt?

 

Peter Bauza: »Das Vertrauen zu gewinnen.« Nur über das Zuhören, Interesse und Teilen von Informationen haben sich die Türen, Ohren und Herzen geöffnet. Im Laufe der Zeit wurde ich einer von Ihnen.

 

Anfängliche kleinere Rempeleien und nicht erwähnenswerte Übergriffe stellten sich sehr schnell ein.

 

Über einen solchen langen Zeitraum gibt es natürlich Aufs und Abs, aber  hier kommt es eben auf die korrekte Story-Line an. Es ist wichtig, nah genug dran zu sein, aber doch noch weit genug um objektiv zu bleiben. Eine sicherlich sehr schwere Gratwanderung.

 

Haben Sie ein Lieblingsbild?

 

Peter Bauza: Sie sind alle meine Lieblingsbilder. Nach mehr 30.000 Aufnahmen und 400 Portraits wird es in der Tat schwierig, ein Lieblingsbild zu definieren. Jedes dieser Bilder hält eine Geschichte und einen Moment fest. Sie werden Zeuge dieser traurigen und schweren Geschichte. Edilane auf der Matratze mit ihren Kinder, das sterbende Pferd (ohne Menschenhilfe) als Zeichen des dünnen Pfades zwischen Leben und Tot, die Macumba-Tänzerin als Zeichen des Glaubens....

 

Und was bedeutet es Ihnen, »Copacabana Palace« auf dem Umweltfotofestival in Zingst auszustellen?

 

Peter Bauza: Mit jeder Ausstellung, Auszeichnung, Veröffentlichung hoffe ich, dass die Regierung in Brasilien ihren Versprechen und Verpflichtungen (im Grundgesetz festgelegt) nachkommt: Das Versprechen eines vernünftigen Daches über jedem Kopf.

 

Die Kooperation mit »horizonte zingst« geht in das dritte Jahr und das zweite Mal wird die Stern-Ausstellung im alten Marinekomplex gezeigt – Herr Kronawitt, was macht diese besondere Ausstellungsfläche mit den Bildern und den Besuchern?

 

Andreas Kronawitt: Zuerst hatten wir den Stern-Fotograf Hans-Jürgen Burkard, sozusagen als Stern Botschafter, nach Zingst entsandt. Hans-Jürgen Burkard der weltgereiste Fotojournalist hatte mit seiner Deutschland-Reportage, die er für das stern-Magazin konzipiert und erarbeitet hat, eine große und viel diskutierte Präsentation im Max-Hünten-Haus in 2015. Dann war Tom Jacobi, der ehemalige Stern Art-Direktor und Fotograf, 2016 mit seiner ebenfalls groß im Stern veröffentlichten Geschichte »Grey Matters« im Max Hünten Haus zu sehen. Parallel zeigten wir im Marine-Komplex die sehr bewegende Reportage zur Situation der Flüchtlinge an der Grenze von Idomeni, die der Fotograf Nikos Pilos für uns fotografiert hat.

 

Ich war ehrlicherweise skeptisch als ich erste Fotos der Ausstellungsfläche und deren Zustand sah. Noch dazu, als ich hörte, dass der baufällige Zustand von dem Kurator Klaus Tiedge als Teil der Präsentation gesehen wird. Tatsächlich war ich dann überrascht, wie gut das Zusammenspiel der großformatigen S/W Prints mit dieser lagerartigen Umgebung funktionierte, und die Wirkung der Fotos, die bedrückende Situation der Flüchtlinge, für den Besucher geradezu physisch fassbar machte. Manche Besucher waren so bewegt, dass sie die Ausstellung nur mit einmal Luftholen und hinaus gehen ertragen konnten. Wie könnte man ein Thema besser präsentieren? Was ist für einen Fotograf ein größerer Erfolg, wenn er die Menschen mit seinen Fotos derart bewegt und fesselt.

 

Dieses Jahr nun, mit Peter Bauzas Arbeit »Copacabana Palace«, ist wieder eine sehr emotionalisierende Arbeit zu sehen, die eine Gruppe Menschen zum Thema macht, die am Rande der Gesellschaft leben. Weit entfernt von der Lebenswirklichkeit der meisten Besucher vermutlich, leben diese unter Verhältnissen, die für viele von uns schwer vorstellbar ist. So lässt uns Peter Bauza in eine ferne und fremde Welt blicken und bringt sie uns ganz nah, so nah dass sie berührt. Ich denke, auch hier unterstützt dieser spezielle Ausstellungsort das Sujet der Fotostrecke. Ich bin sehr gespannt, wenn ich am Samstag den ersten Blick auf die Präsentation werfen kann.

 

Last but not least: Haben Sie zum Jubiläum eine Botschaft für die Festivalbesucher und die Zingster Festivalmannschaft?

 

Peter Bauza: Einen besonderen Dank geht an die Veranstalter und deren Teams, Sponsoren und an das Interesse der Besucher, die es ermöglichen solche wertvollen Arbeiten zeigen zu können.

 

Ich hoffe, dass viele Besucher auch dieses Jahr hier in den verschiedensten Formen vorbeischauen werden, sei es als Urlauber, Workshop-Teilnehmer, ambitionierte Hobby-Fotograf oder Profi. Wir hoffen, Ihnen ein interessantes Material zeigen zu können, viele Fragen zu beantworten aber viel wichtiger, Ihnen etwas aus der Welt zu zeigen, was uns oftmals bewusst ist, jedoch nicht so einfach visualisierbar.

 

Andreas Kronawitt: Zunächst einmal meine herzlichste Gratulation zu zehn Jahren »horizonte zingst«!

 

»horizonte zingst« ist ein großartiges Fotofestival an einem der schönsten Orte an der Ostsee. Das Team von »horizonte zingst« hat hier ein beeindruckendes Fotofestival etabliert, es verbindet auf herausragende Weise die Möglichkeit, in entspannter Atmosphäre und mit Urlaubsstimmung, sich dem wichtigsten Thema unserer Zeit zu nähern. Der Umwelt. In einer Sprache die uns allen zugänglich ist. Der Fotografie.

 

Und was Zingst immer geschafft hat, es begeistert, und es zeigt die Faszination von Mikro bis Makrokosmos. Es befeuert in den Besuchern ebenso die Faszination an der Fotografie. Die hier gezeigte Bandbreite an fotografischen Erzählweisen bietet für jeden etwas.

 

Großartig!

Weiter so!

 

 

 

Peter Bauzas Arbeit »Copacabana Palace« hat mittlerweile viele internationale Auszeichnungen erhalten, unter anderen den »World Press Award«

 

Die Ausstellung »Copacabana Palace« wird ab dem 20. Mai 2017 im alten Marinekomplex in Zingst gezeigt. Die Eröffnung der Ausstellung ist am 20. Mai um 18.30 Uhr.

 

Websites:

www.stern.de

http://www.peterbauza.com/

 

 

Das Gespräch führte Edda Fahrenhorst | fotogloria